Erasmus+

erasmus logoAuslandspraktikum in Island in der Zeit vom 11.03. bis zum 12.04.2019

Gleichzeitig organisierte unsere Schule einen Erasmus+ -Auslandseinsatz für Schülerinnen und eine Staff Mobility – also Lehrkraft – in Island: Drei Auszubildende (Sozialassistenz) durften ihr fünfwöchiges Praktikum im Ausland (Island) absolvieren. Mit EU-Fördermitteln von „ERASMUS“ wurde es eine abenteuerliche Herausforderung: ohne Kenntnisse der Landessprache in einem isländischen Kindergarten als Praktikant/-in arbeiten.

Mut und Abenteuerlust brachten Anna, Rojda und Patricia nach Akureyri, eine kleine Stadt im Norden von Island. Als Klassenlehrer der SozAs 18-2 begleitete ich die Schülerinnen die ersten fünf Tage. Ich sollte sie in den ersten Tagen unterstützen und einen spannenden Einblick in die isländische Bildungspraxis erhalten. Unsere Schule hat bereits Kontakte zur dortigen Berufsschule, die sollten vertieft werden.

Untergebracht waren wir in einem kleinen Appartement. Für die ersten Tage teilten sich zwei Schülerinnen ein Zimmer. Nach meiner Abreise hatte jede ihr eigenes Reich. Meine Aufgabe bestand darin, die Schülerinnen bei ihrer Eingewöhnung zu unterstützen. Der Einsatz hat sich gelohnt: Auch nach meiner Abreise schafften es die drei, die Schwierigkeiten des Alltags erfolgreich zu bewältigen. Und selbstverständlich ist ein Auslandspraktikum kein Urlaub!

Die Auszubildenden mussten neben der normalen Arbeitszeit in den Kitas auch kochen, einkaufen, die Wohnung putzen und ihre Freizeit organisieren. Auch das Zusammenleben auf engen Raum mit Menschen, die man nur aus dem Schulalltag kennt, war eine Herausforderung.

Auch für mich als Begleitlehrer war es kein Urlaub. Sonntagmittag ging es in Tegel los, es flossen die Tränen des Abschieds bei den bangen Eltern, Freunden und Abreisenden. Als wir alle im Flugzeug saßen, verbesserte sich die Stimmung aber wieder schnell. Vom Hauptstadtflughafen Reykjavik musste die Reisegruppe zum entfernten Lokalflughafen, um von dort mit einer Propellermaschine in den Norden geflogen zu werden.

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Der Hafen von Akureyri

Akureyri (Wikipedia) ist die zweitgrößte Stadt Islands. Sie hat ca. 18.000 Einwohner. Die Kinder werden selbstverständlich in Kindergärten betreut. Bei ihrer Förderung gibt man sich viel Mühe. Ich konnte mir die drei Einrichtungen ansehen und auch jeweils einen Tag hospitieren. Alle drei waren von Angebot und Konzept unterschiedlich. Auffällig war der freundliche, aber auch konsequente Umgang mit den Kindern. Als Besucher wurden wir schnell in den Gruppen integriert. Das Angebot war beeindruckend: in einer Einrichtung gab es Kinderyoga und ein isländischer Volkssänger kam mit seiner Gitarre vorbei, um mit den Kindern Volkslieder zu singen. Neue Medien waren in einem anderen Kindergarten Teil des Alltags. Über eine App können Eltern dem Sprössling folgen, die Erzieher aktualisieren den Tagesverlauf des Kindes zeitnah. In einem anderen Kindergarten wurde ein zweijähriges Kind in der Gruppe mitbetreut, welches ein mobiles Beatmungsgerät benötigte. Dieses gute Angebot funktioniert durch einen hohen Personaleinsatz. Gekocht und gebacken (sehr leckeres Brot) wurde in jedem der besuchten Kindergarten, selbstverständlich von einer Küchenkraft.

Mich beeindruckten die Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und auch die Offenheit der Menschen, denen wir begegneten. Die Kinder waren sehr zutraulich. Da viele Menschen unterschiedlicher Nationen ihre Kinder in die Kindergärten bringen, sind Ortsfremde keine Seltenheit in Akureyri. Als Insel mit begrenzten landeseigenen Reichtümern sucht Island den Kontakt mit der Welt. Austausch und Handel sind die Grundlagen des isländischen Wohlstandes. Das macht sich auch im entspannten Umgang mit Fremden bemerkbar. (Rojda: „…für die Leute hier ist das Kopftuch gar kein Problem. Man wird hier gar nicht angeguckt“). Ein Wahlspruch in Island lautet: „þetta reddast“, was so viel bedeutet wie „Das wird sich von alleine lösen“.

Englisch ist eine Selbstverständlichkeit. Schon Kinder versuchten zum Teil, sich auf Englisch mit uns zu verständigen. Zum Glück gab es für die Teilnehmer regelmäßig Unterricht in Isländisch. Die isländischen Reaktionen waren sehr erfreut, wenn man versuchte ein wenig davon Gebrauch zu machen.

Die Regierung in Island (wie in allen skandinavischen Ländern) investiert viel in Bildung. Die Kinder werden aufwändig darauf vorbereitet, ihren Platz im Arbeitsleben in diesem kleinen Land einzunehmen. Ich konnte Hildur, eine freundliche Bibliothekarin der örtlichen Berufsschule (Akureyri Comprehensive College) besuchen, die mich in der Schule herumführte. Die Schule ist sehr modern und angenehm gestaltet. Die Schüler(inn)en haben dort vielfältige Möglichkeiten, verschiedene Berufsrichtungen einzuschlagen. Holz- und Metallbearbeitung, traditionelle (Webstühle) und moderne Textilbearbeitung (Modedesign), Elektrotechnik, Schiffsmotortechnik, Kfz-Mechatronik, Gastronomie (Backen und Kochen), Gesundheit und Pflege, Friseurhandwerk und Bau. Der Unterricht ist sehr praxisorientiert: Innerhalb eines Jahres bauen die Schüler beispielsweise gemeinsam mit Lehrern ein Holzhaus von ca. 50 m2. Dieses ist komplett mit Sanitär- und Elektroinstallationen ausgestattet. Bei einer Auktion kann das Haus dann ersteigert werden. Wie der Käufer es vom Schulhof bekommt, ist dann sein Problem. Das letzte Haus wurde für umgerechnet 80.000 Euro verkauft, wie mir der Kollege stolz berichtete. Auch werden immer „Modelle“ gesucht, die sich für einen geringen Preis die Haare verschönern lassen. Hildur bevorzugt aber lieber einen Friseur in der Stadt. Die eingenommenen Mittel werden selbstverständlich für die Anschaffung neuer Materialien verwendet. In der Mittagspause war Zeit für einen Gedankenaustausch mit dort tätigen Kollegen. In der Kantine wurde ich neugierig zu meinen Erfahrungen befragt. Smartphone und Co haben auch in Island Einzug in den Alltag der Schüler(inn)en gehalten. Wir diskutierten über den Umgang damit. Die pädagogischen Probleme ähneln sich doch in vielen Dingen, aber es war interessant, wie man als isländische(r) Lehrer/-in damit umgeht. Natürlich waren auch Politik und Alltag Thema.

An die Schule angegliedert ist „FabLab“. Das ist eine Produktionsstätte für eigene Ideen. Jeder kann kommen und eigene technische Ideen umsetzen. Dafür stehen 3D-Drucker, Laser, CNC-Maschinen und andere sehr teure Geräte zur Verfügung. Bedient werden sie von ausgebildeten Helfern, die bei der Umsetzung der Ideen behilflich sind. Selbstverständlich ist FabLab im Austausch mit der Schule.

Sehr praktisch ist der kostenlose Busverkehr der Stadt. Verschiedene Linien befördern die Passagiere in alle Teile der Stadt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten (Telefon: „Herr Asmus, ich habe mich verfahren….“) wurde das schnell Routine.

Am Freitag saß ich dann morgens um drei Uhr wieder im Propellerflugzeug, welches mich nach Reykjavik zurückbrachte. Nachdem die Startbahn vom frisch gefallenen Schnee geräumt war, konnte die Rückreise beginnen.

Nur einige Stunden später landete ich wieder im sonnigen Tegel. Obwohl ich nur wenige Tage unterwegs war, fiel mir die Umstellung vom entspannten Island zum pulsierenden, hektischen Berlin nicht leicht. Natürlich ist ein kleines Land mit ca. 330.000 Einwohnern übersichtlicher und leichter zu verwalten. Die pragmatische Herangehensweise zur Lösung von alltäglichen Problemen hat mir gefallen. Die würde ich mir in Berlin auch oft wünschen. Abgucken ist in der Schule eben manchmal doch erlaubt.

Sönke Asmus

 

 

Bildnachweis
© 2017 Jeanette Reppe, August-Sander-Schule